Stuttgart 21
Walter Sittler: „Der Bau ist noch zu stoppen“
„Rückbau der Schiene“: S-21-Gegner warnen vor Projektrisiken und weisen auf Manipulationen beim Stresstest hin | Von Pia Wolkenstein
„Für die Demokratie ist es wichtig, dass alle Bürger richtig informiert werden, ansonsten sind wir im Bereich der Propaganda – und das hatten wir schon“, waren Walter Sittlers Einstiegsworte bei der Pressekonferenz des Bündnisses „Bahn für alle“.
Die Volksabstimmung haben die Befürworter des Tiefbahnhofs zwar gewonnen, doch „es war ein schmutziger Sieg“, so der Stuttgarter Schauspieler Walter Sittler. Wesentliche Fakten seien von der Bahn AG, dem Stuttgarter Oberbürgermeister Dr. Wolfgang Schuster, aber auch dem Bundesverkehrsministerium verschwiegen worden. Den Bürgern in Baden-Württemberg habe man durch die vermeintlich hohen Ausstiegskosten Angst gemacht. Im Glauben, das Milliardenprojekt Stuttgart 21 sei kein Hindernis für andere Verkehrsprojekte, wie etwa dem Ausbau des Mannheimer Bahnhofs oder des Baus der Gäu- und Südbahn, hätten die Wähler ihre Kreuze bei „Nein“ gemacht.
Ein Foul, so der Verkehrswissenschaftler und Publizist Winfried Wolf, . Nach der Volksabstimmung nämlich wurde im Dezember veröffentlicht, dass die Finanzierung des Mannheimer Bahnhofs gestrichen werden müsse – auch andere Projekte könnten wegen des Milliardengrabs nicht mehr gebaut werden. „Diese bewusste Täuschung der baden-württembergischen Wahlberechtigten zeigt, dass die Volksabstimmung alles andere als ein fairer Kampf war“, so Wolf.
Zusätzlich zeigte auf dem Internet-Portal wikireal.org der Physiker Christoph Engelhardt, gemeinsam mit anderen unabhängigen Experten, diverse Fehlerquellen des von der Bahn AG veröffentlichten Stresstestes auf. Auch er und andere Wissenschaftler haben den Stresstest überprüft. Vor dieser ersten Präsentation drohte ihm die Bahn mit einer Klage. „Nach meinen Berechnungen schafft der Stuttgarter Tiefbahnhof nicht die geplanten 49 Züge, sondern nur 32“, sagt Engelhardt, der zur Grundlage die durchschnittliche Kapazität anderer deutscher Durchgangsbahnhöfe genommen hat „Die Steigerung der Kapazität ist also falsch“ berichtete der Experte. Und er zitiert George Orwells Roman 1984: „ Wenn die Partei sagt 2+2=5 dann ist es so!“ Genauso rechne die Bahn – und das nicht nur in der Kostenfrage.
Eine weitere Manipulation des Testes: Es wurden nicht hundert Tage simuliert, wie es eigentlich vorgegeben ist, sondern lediglich drei Tage, weiß Engelhardt: „Nur die günstigsten Situationen wurden mit einberechnet, denn sonst hätte dieses Bahnhofsmodell den Stresstest nicht bestanden.“ In seinem Heimatort Biberach an der Riss beispielsweise wurden in Firmen und Unternehmen sogar Empfehlungen an die Belegschaft ausgesprochen, was sie bei der Volksabstimmung zu wählen hätten. Genau wie in anderen Orten in Baden-Württemberg hätten die Menschen einseitige Informationen bekommen. Deshalb ist es Walter Sittler extrem wichtig, dass „alle Informationen den gleichen Stellenwert erhalten sollen – und nicht die Hälfte der Gegenargumente als Verschwörungstheorien abgetan werden.“
Es gibt immer noch viele Ungereimtheiten und Risikofaktoren bei dem Bau des „neuen Herzens Europas“. Viele Planfestellungen, wie die auf den Fildern, wurden bis heute nicht beantragt – andere sind noch nicht durch. „Kein Projekt der Bahn, das in den letzten 20 Jahren gebaut wurde, hat sich nicht bis zu 50 Prozent verteuert,“ berichtet Sittler. Unter solchen Umständen müsse die grün-rote Regierung anfangen, realistisch zu denken. „Bis jetzt ist noch nicht viel irreversibles geschehen und der Bau ist immer noch aufzuhalten“, macht Schauspieler Sittler an, der weiterhin gegen den Tiefbahnhof ankämpfen will. Und er zitiert den ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, der im Jahr 1985 über den Bonatzbau sagte: „Der Stuttgarter Bahnhof hat den Rang eines Nationaldenkmales.“
Walter Sittler
Die vollständige Pressekonferenz auf Fluegel-TV: http://www.fluegel.tv/beitrag/3398

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