Stuttgart 21

„Mir graut vor dem Gedanken, dass der Südflügel einer sinnlosen Machtdemonstration zum Opfer fällt“

Bonatz-Enkel Peter Dübbers zum bevorstehenden Abriss des Südflügels des Stuttgarter Hauptbahnhofs und seine Enttäuschung über Ministerpräsident Kretschmann

©2012 Thomas Igler und fluegel.tv

Der Stuttgarter Architekt Peter Dübbers ist der Enkel von Paul Bonatz, dem Architekten des Stuttgarter Hauptbahnhofs. Mittels einer Urheberrechtsklage hatte er über mehrere Instanzen versucht, den Teilabriss des denkmalgeschützten Bonatzbaus zu verhindern – ohne Erfolg. Nachdem im August und September 2010 bereits der Nordfügel des Baus abgerissen wurde,  steht nun der Abriss des Südflügels unmittelbar bevor: In der Nacht zum Freitag, den 13. Januar, wurde der Bereich um die kommende Baustelle von der Polizei abgesperrt, in den Stunden davor demonstrierten hier mehrere hundert Abrissgegner – darunter auch Dübbers.

Einundzwanzig: Herr Dübbers, Sie waren gestern Nacht vor dem Südflügel. Wie fühlten Sie sich als geistiger Erbe und Enkel von Paul Bonatz?
Peter Dübbers: In der Menge findet man natürlich Trost – aber dennoch bleibt die Betroffenheit angesichts der Tatsche, dass die Bahn tatsächlich die ersten Schritte zum Abriss des Südflügels in Angriff nimmt. Damit meine ich nicht die Entkernung im Inneren des Südflügels, da ist nicht viel Schützenswertes drin – sondern mir graut es vor dem Gedanken, dass ausgerechnet der Lieblingsteil meines Großvaters, nämlich der Südflügel, einer sinnlosen Machtdemonstration zum Opfer fallen soll.


Ist es für Sie als Enkel schwerer, mit dem Abriss fertig zu werden?
Es ist schwer, aber schwerer, das kann ich nicht beurteilen – denn es gibt so viele Stuttgarter, die an dem Bahnhof hängen. Der wichtigste Bau im Lebenswerk meines Großvaters wird keine 100 Jahre unverstümmelt überdauert haben, das macht natürlich traurig. Auch kann der Abriss des Südflügels Folgen haben, die heute noch gar nicht abzuschätzen sind. Niemand weiß, was aus dem Turm wird – mein Großvater sprach bei der Gründung immer von massiven Eichenpfählen, die den Turm tragen und nicht von Stahlbetonpfählen, wie die Bahn behauptet. Bedenken Sie die Zeit – 1914 hat man kaum Stahlbeton für Rammpfähle verwendet. Entsteht beispielsweise – und das kann auch erst in den nächsten 3 oder 5 Jahren sein – ein Riss zwischen Turm und angrenzenden Bauteilen, werden die Reparaturen Kosten in Millionenhöhe nach sich ziehen. Und jeder, mit ein bisschen Phantasie, kann sich auch vorstellen, wie es später hier aussehen wird. Auf Beton wachsen keine Bäume, die ganzen Computer-Animationen der Bahn sind eine Farce.


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Klagte erfolglos gegen den Abriss: Peter Dübbers


Sie haben einen offenen Brief an Herrn Grube geschrieben...
Ja - ich habe darum gebeten, dass der Südflügel zunächst einmal stehen bleibt und nicht erneut unumkehrbare Fakten geschaffen werden. Aber ich habe kaum Hoffnung. Das Schreiben habe ich auch an Herrn Schuster und an unseren Ministerpräsidenten weitergeleitet. Von Schuster erwarte ich keine Antwort – und auch Herr Kretschmann hat mich sehr enttäuscht.

Warum sind Sie von Herrn Kretschmann enttäuscht?
Weil er sich in meinen Augen zu wenig einsetzt und alle Versprechungen über Bord wirft, nur um diese Koalition aufrechtzuerhalten. Es geht halt doch nur um ein Bahnhöfle und das opfert er lieber, um als erster grüner Ministerpräsident in die Annalen der Geschichte einzugehen - um mit Arno Luik zu sprechen. Ich habe mehr Standhaftigkeit von Ministerpräsident Kretschmann erwartet und nicht, dass er so schnell nachgibt. Es liegen noch nicht die angeforderten Zahlen und Kosten vor und dennoch ist er schon umgekippt und willigt in den Bau ein. Außerdem ist Stuttgart 21 ohnehin ein Projekt, das nur aus Ausnahmegenehmigungen besteht, die ein Bundesverkehrsminister regelt. Hier müsste Kretschmann mehr Kante zeigen.

Aber es gab doch die Volksabstimmung – die haben die Stuttgart-21-Gegner nun einmal verloren. Das nennt man Demokratie, argumentieren viele Projekt-Befürworter, der Bau von Stuttgart 21 sei nun legitimiert. Sind Sie kein Demokrat?
Ich bin sogar ein guter Demokrat – nur die Volksabstimmung war natürlich alles andere als gerecht und somit in meinen Augen auch nicht demokratisch. Es wurden Millionen in Werbung für Stuttgart 21 investiert – über diese finanziellen Mittel haben die Gegner nicht verfügt. Auf dem Land hat die CDU ihren Einfluss massiv geltend gemacht. Und die Kampagne der Befürworter war emotional und nicht informativ. Wer durch Slogans wie „1,5 Milliarden Ausstiegskosten“ wirbt, lügt. Es war eine Verdummungskampagne – mehr nicht. Jetzt erinnert sich natürlich niemand mehr an die Forderungen der Schlichtung, die sind längst vergessen – dabei hat die CDU damals auch mit der Schlichtung geworben. Eine Volksabstimmung, die auf Lügen basiert – nein, das hat für mich nichts mit Demokratie zu tun.

Wenn in zwei Wochen der Südflügel fällt, ist dann das Projekt endgültig besiegelt?
Natürlich werden immer neue Fakten geschaffen und natürlich schleicht sich auch bei  vielen Gegnern immer mehr eine Art Hoffnungs- und Mutlosigkeit ein. Aber für mich ist der kritische Punkt erst erreicht, wenn die Tunnelbohrmaschinen eingesetzt werden.

Das Gespräch führte Michaele Heske
(Ein ausführliches Portrait über Peter Dübbers können Sie in der nächsten Ausgabe der einundzwanzig lesen!)

Peter Dübbers

Kommentar

Die Ereignisse am Südflügel

Es fällt mir sehr schwer, die Fortsetzung dieses teuren Blendwerks zu kommentieren. Doch Halt - vielleicht lässt sich folgendes gespenstische Bild als Vergleich heranziehen:

Was bei Stuttgart 21 geschieht - trotz aller Gründe, die längst dagegen sprechen - ließe sich mit einem großen U-Boot vergleichen, das auf seinem einmal eingestellten Kurs erbarmungslos fort fährt. Die Eigner haben die Devise ausgegeben, dass es nicht auftauchen darf und dem Kommandanten verboten, unterwegs das Periskop über die Wasseroberfläche auszufahren, so dass dieses Boot in einer verordneten Blindheit unterwegs ist... Warnungen vor Untiefen, Riffen, Eisbergen und kundigen Bürgern kommen nicht an. Es gibt keinen Kurswechsel, Auftauchen oder gar Stoppen.
Der angebliche Fortschritt kennt anscheinend nur noch das Geradeaus - bis zum
bitteren Ende für alle...

Norbert Bongartz

Zur Person:
Dr. Norbert Bongartz, promovierter Kunsthistoriker und Ober-Konservator im Ruhestand, arbeitete von 1973 bis 2009 als Denkmalpfleger am früheren Landesdenkmalamt. 

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Kommentar von theo tiger | 2012-02-13

Wenn wenigstens am Ende bahntechnisch etwas viel Besseres dabei rauskäme, aber so? -- Wir Stuttgarter schauen in diesen Tagen besorgt nach Hamburg, wo der prächtige "Glasdampfer" der Neuen Elbphilharmonie den Zeit- und Kostenrahmen wieder einmal zum Platzen bringt. Dieses Projekt "frisst" gierig Steuermillionen, ein echter Luxus in (Finanz-)Krisenzeiten, und noch ist kein Ende des Ärgers in Sicht.

Bei "Stuttgart 21" bleiben Kostenfrage und Baupläne auf den Fildern, unter dem Flughafen, in Untertürkheim und an den Zufahrtstrecken trotz zugesagter Transparenz weiterhin unklar. Auch die "kritisch-konstruktive" Haltung der grün-roten Landesregierung hat hier bislang keine erheblichen Fortschritte gebracht. Im Gegenteil, seit dem 27.11. gibt es nur neue Gerüchte und neue Planänderungen aber keine neuen Fakten. Die Herbstsitzung des Lenkungskreises wurde in den März verschoben.

Der Abriss des Südflügels und die fallenden Bäume im Park sollen nun zeigen, dass alles weiter seinen Gang geht. Aber noch ist "Stuttgart 21" nicht in trockenen Tüchern. Der beschlossene Kostendeckel von 4,5 Mrd. Euro und die Mahnung des klammen Bundes- und Landeshaushalts könnten dieses "best geplante" Projekt in der gestreckten Anlaufphase immer noch jäh stoppen. Die Bahn weiß, dass sie jetzt dringend sichtbare Baufortschritte bieten muss. Aber die Bauherrin tut sich schwer mit der Vergabe der Arbeiten im Untergrund und beim offenen Umgang mit den objektiv vorhandenen Baurisiken. An den Zeitplan glaubt inzwischen sowieso keiner mehr.

Die Elbphilharmonie lässt schön grüßen!

theo tiger